München Kulturproj. Marstall
Kulturprojekt Marstall
Offener internationaler Wettbewerb
für die zukünftige Nutzung des Marstallgebäudes
München 2007
Wettbewerb 2. Rang (Ankauf)
Um die Stärke und Kraft des historischen Gebäudes zu nutzen, schlagen wir eine 'leichte', entmaterialisierte Aufstockung vor. Das Volumen des Konzertsaals steigt leuchtend aus dem Umriss des Marstalls hervor, die starken Mauern bilden einen monumentalen Sockel - einen edlen Rahmen für alle kulturellen Veranstaltungen.
Der Marstallplatz in München führte seit der Zeit seines Wiederaufbaus über Jahrzehnte ein Schattendasein. Mit dem Neubau der Zentralverwaltung der Max-Planck-Gesellschaft Anfang der 90er Jahre wurde die Neuordnung des Areals eingeleitet. Die Bebauung des südlichen Marstallplatzes stellt zur Maximilianstraße zwar einen städtebaulichen Abschluss dar, der im Krieg zerstörte und in seiner äußeren Erscheinung wieder aufgebaute Marstall spielt im Münchner Kulturbetrieb bisher jedoch eine eher untergeordnete Rolle. Der neue Konzertsaal im Marstall wird das kulturelle Zentrum um die Residenz ergänzen und schafft einen Ort der Musik für ein internationales Publikum mitten im Herzen der Stadt.
Der vorliegende Entwurf erhält den Marstallplatz in der heute definierten Form und macht aus ihm das Entrée für Musik, Theater- u. Kulturgenuss 'hinter der Residenz'. Die ehemalige königliche Hofreitschule von Leo von Klenze bildet mit ihren klassizistischen Fassaden eindeutig die städtebauliche Dominante am Platz.
Um die historischen Raumgrößen und Raumproportionen wieder erlebbar zu machen und die Stärke und Kraft des historischen Gebäudes zu nutzen, schlagen wir eine leichte, entmaterialisierte Auf- stockung vor. Das Volumen des Konzertsaals steigt leuchtend aus dem Umriss des Marstalls hervor, die starken Mauern bilden einen monumentalen Sockel. Alle kulturellen Veranstaltungen - Konzert, Theater, Tagungen oder sonstige Großveranstaltungen - finden in diesem edlen und prachtvollen Rahmen statt.
Die klassische, axiale Erschließung durch die Portale wird übernommen. Zentrales Element des Entwurfs ist das sich nach oben entwickelnde Foyer:
Treppe, Aufzugsanlage, Lufträume und Galerien verbinden die verschiedenen Ebenen und bilden so ein durchgängiges Raumgefüge. Auf der Eingangsebene befindet sich neben den Garderoben und Serviceeinrichtungen auch einer der beiden Zugänge zum Studiotheater (das Theater verfügt zusätzlich über ein eigenes kleines Foyer).
Auf dem Weg zum Konzertsaal bildet eine breite, signifikante 'Freitreppe' den Auftakt zum Lustwandeln - Sehen und Gesehen werden - zwischen den Foyerebenen, Bars und Pausenbereichen. Die Loggia auf Höhe des zweiten Ranges lädt zu einem Rundumblick über Hofgarten und Staatskanzlei, Residenz und Marstallplatz ein. Das Aufsteigen zur Musik lässt den Besucher in eine eigene Welt ein- tauchen, er gewinnt Abstand vom Alltag und bereitet sich auf den Musikgenuss vor. Mit dieser Inszenierung wird das Potential des Marstalls voll ausgeschöpft, wertvolle Spuren und Fragmente der vergangenen Epochen werden zu neuem Leben erweckt - dann das Erlebnis des Konzertsaals: Ein klassischer 'Schuhkarton' mit brillanter Akustik, ein Raum ganz und gar für die Musik. Der Saal steht im internationalen Kontext mit den großen Konzertsälen der Welt, seine Unverwechselbarkeit erhält er durch die Integration in dieses wertvolle, historische Gebäude. Dem Bereich der Musik wird auf der Ostseite des Areals an der Marstallstraße ein 'Künstlerhaus' zur Seite gestellt. Die Gestaltung orientiert sich an der Bebauung des südlichen Marstallplatzes zur Maximilianstraße, verbindet sich jedoch über die eigene Architektursprache mit dem Marstall. Alle dienenden Funktionen, die für den Musik- und Kulturbetrieb im Marstall notwendig sind, werden hier untergebracht. So ist eine klare Trennung zwischen Publikum und Künstlern gewährleistet, die sich erst im Saal begegnen. Über das Raumprogramm hinaus lassen sich weitere thematisch naheliegende Nutzungen (Tonstudio, Musikverlag, Eventagentur etc.) in das Künstlerhaus integrieren. Im Untergeschoss mit Tiefgarage sind sowohl die Nebenräume des Theaters, als auch die notwendigen Technik- und Nebenraumflächen untergebracht.
Akustik
Das Ziel der Planungen ist es, einen Konzertsaal zu konzipieren, der den internationalen Ansprüchen an brillante Raumakustik genügt.
Wie bei vielen weltberühmten Konzertsälen (z.B. dem Konzerthaus Berlin oder dem Saal des Wiener Musikvereins) ist durch die Form des Marstalls der sogenannte 'Schuhkarton' festgelegt. Diese klassische Raumform stellt eine sehr gute Voraussetzung für optimale Raumakustik dar.
Die im Konzertsaal anzustrebenden Nachhallzeiten sind im weiteren Verlauf des Projekts in Abstimmung mit dem Auslober konkret festzulegen. Ein leichter Anstieg der Nachhallzeit zu tiefen Frequenzen verleiht einen warmen Raumklang, der das Klangvolumen der Instrumente erhöht.
Durch die ansteigende Bestuhlung ist gute Sichtverbindung zum Orchester gegeben, gleichzeitig werden die akustischen Verhältnisse optimiert.
Der neben dem Orchester und im vorderen Saalbereich gelegene Teil der Seitenwände dient dem guten Hören der Musiker untereinander und der Versorgung des mittleren und hinteren Zuhörerbereichs mit kurzzeitigen, die Durchsichtigkeit erhöhenden Reflexionen. Im hinteren Saalbereich werden diffuse, den Raumeindruck fördernde Reflexionen erzeugt. Um das gegenseitige Hören der Musiker weiter zu verbessern ist vorgesehen, über der Bühne abgehängte Reflektoren (ca. 10 Stck.) anzuordnen, deren Neigungswinkel im Rahmen der weiteren Planungen zu optimieren sind.
Zur Vermeidung von störenden Schallreflexionen von der Saalrückwand ist bis auf eine Höhe von ca. 2 m eine schallabsorbierende Wandbekleidung vorgesehen. Oberhalb werden die Rückwände diffus schallreflektierend ausge- bildet.
Die Galerien, die Deckenreflektoren und die ansteigende Bestuhlung, sowie eine mögliche, teilweise diffus reflektierende Ausbildung der Seitenwände sorgen für eine hohe Diffusität des Schallfeldes und eine hohe Durchsichtigkeit. Um eine möglichst große Unabhängigkeit der Nachhallzeit des Konzertsaales von der Besetzung zu erreichen, ist Polstergestühl vorgesehen. Konzertsaal
Im Rahmen der weiteren Planungen wäre mit dem Auslober abzustimmen, ob der Raum ausschließlich als Konzertsaal genutzt werden soll, oder ob auch Veranstaltungen wie z.B. Tagungen, Festveranstaltungen oder Bälle stattfinden sollen. Dies könnte den Einbau von variablen Schallabsorptionsflächen sinnvoll machen, die z.B. als Stoffaushänge im Podiumsbereich und als Wandbekleidungen oberhalb der Seitenstege ausgeführt werden könnten.
Konstruktion
Das architektonische Konzept sieht eine leicht erscheinende, entmaterialisierte Aufstockung des Gebäudes vor. Diese Wirkung wird durch die Wahl der konstruktiven Elemente erreicht.
Die Aufstockung wird in Skelettbauweise realisiert, deren Materialisierung in Stahl-, Stahlverbund- oder Stahlbeton erfolgen kann. Eine Entscheidung hierüber soll im Zusammenhang mit dem Brandschutzkonzept getroffen werden. Ziel ist, die Tragelemente durch eine optimale Stützenstellung filigran zu halten. Die vertikalen Lasten der Aufstockung werden dementsprechend im Schatten der Bestandskonstruktion durch in Gebäudequerrichtung gespannte Tragelemente abgefangen, die oberhalb dieser Abfangebene eine variable Stützenstellung erlauben. Die Tragelemente der Abfangkonstruktion können in Stahl-, Stahlverbund-, oder Spannbeton materialisiert werden. Sie tragen die vertikalen Kräfte in neue Stahlbeton- oder Stahlverbundstützen ab, die in Schlitzen in den Bestandselementen versenkt werden und somit optisch neutral sind. Die Stützen werden schubfest mit dem Bestand verbunden, so dass dieser die horizontalen Kräfte auf die Aufstockung abtragen kann. Unterhalb der Aufstockung werden somit keine optisch in Erscheinung tretenden neuen Elemente erforderlich.






